Otmar Hesse: Impressionen eines Kreta-Liebhabers

In der Tür

Kirchentüren Heraklion
Foto © Jochen Paatsch
Da sind wir nun, sind seit fast zwei Monaten auf Kreta, stehen in der Tür und schauen auf die Insel, die wir als Touristen seit drei Jahrzehnten kennen gelernt haben, und auf die Gemeinde der deutschsprachigen evangelischen Christinnen und Christen, die wir zum größten Teil noch kennen lernen müssen. Wir sind dabei, anzukommen; denn wohnen und arbeiten auf Kreta ist anders als das Touristenleben.

Da ist der Verkehr, den wir auch bei früheren Aufenthalten wahrgenommen haben, aber nun schauen wir anders auf unsere Mitmenschen, die "Freiheitskämpfer", die nur situativ die Verkehrsregeln beachten und sonst nach dem Motto handeln, "da passe ich noch hin, noch durch, noch vorbei". Da sind die Straßen mit ihren Standspuren, die man solange als Fahrbahn benutzt, bis plötzlich eine Brücke oder ein tiefes Loch erscheint… Da sind die vielen alten weiß getünchten Kirchen und Kapellen sowie die größeren und bunteren neu gebauten Betonkirchen. Da sind die täglich gefeierten Feste von irgendwelchen Heiligen… Stopp! Natürlich kenne ich viele von ihnen, Kirchenväter und Mönchsheilige. Darüber habe ich sogar Artikel geschrieben, aber in meinem Alltag spielen sie keine Rolle.

Was will ich hier auf der Insel, wo der Apostel Paulus einen Zwischenaufenthalt hatte und gerne über Winter geblieben wäre (Apg. 27, 8ff., 21) und sein Begleiter Titos als Bischof gewirkt haben soll (Titus 1, 5), wo es aber später unter den verschiedenen Eroberern nur noch wenige Christen in den Bergen gegeben hat?

Es gibt viele deutschsprachige Menschen auf der Insel, keine Eroberer wie 1941-1945, sondern vor allem Frauen, die mit Griechen verheiratet sind oder waren, sowie Rentner und Pensionäre, die die Insel seit langem oder auch erst seit kurzem kennen und sich in sie verliebt haben und hier leben - mit oder ohne ein zweites Standbein in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Viele erwarten unseren Besuch. Wirklich? Auf der umfangreichen Adressenliste befinden sich viele, die nur den Gemeindeboten lesen wollen. Manche haben viel zu tun: Familie und Arbeit. "Es ist Saison im Fremdenverkehr!" "Es kommt die Zeit der Olivenernte!" "Danach gerne…" Wirklich? Wann?

Andere Menschen haben unseren Besuch schon längst erwartet, aber wir wussten es nicht. Warum haben sie nicht angerufen, sondern Botschaften über das funktionierende Netzwerk, das auch die Vorgänger Ernst, Christian und Malve einschließt, mitgeteilt? Unsere Gottesdienste waren eher spärlich besucht, auch wenn wir und - vor allem - einige Aktive, die es zum Glück gibt, groß angelegte Telefonaktionen gestartet hatten. Dennoch gab es in und durch die Gottesdienste schöne Begegnungen und einige Male - durch die Gruppe "Melisma" bei meiner Einführung, durch den Besuch der Gruppe von Pastor Greinke und durch eine musikalische holländische Großfamilie - wunderbare musikalische Gottesdienste. Das macht Appetit auf mehr.

Dank sei der ökumenischen Partnerschaft, dem seit vielen Jahrzehnten in Iraklion wirkenden Pater Petros Roussos OFMCap, dem katholischen Generalvikar Kretas, seinen katholischen Ordens- und Amtsbrüdern in Chania und Rethymnon sowie Papas Konstantinos in Agios Nikolaos und Papas Panagiotis in Elounda. Sie geben uns Raum für die Begegnung mit Gott.

Was wollen und können wir als Kirchen der Reformation auf Kreta? Ich schreibe diesen Text am Reformationstag. Auf Kreta gibt es viel mehr praktizierende Christen als z. B. in Wittenberg, "dem lutherischen Rom", wo nur noch 10 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche angehören. Unser Auftrag ist ja nicht nur eine kultureller, sondern doch wohl der, dass wir folgendes weitergeben: die Erfahrung von "der Freiheit eines Christenmenschen", das "allein durch Glauben", das "allein durch Gnade", das "allein durch die Schrift", unsere Gottesdienste, die von der Beteiligung durch die Gemeinde, "dem Priestertum aller Gläubigen", leben, und und und.

Das macht Sinn, auch auf Kreta. So werden wir uns bemühen, die bestehenden Treffs in Ierapetra und Rethymnon zu unterstützen und weitere Treffs mitzuorganisieren, Kontakte zu knüpfen wie mit dem Deutschen Schulverein in Iraklion, unsere Gottesdienste gemeinsam zu gestalten, Musikgruppen die Möglichkeit für ihren Auftritt zu geben, Touristen anzusprechen und Gemeindemitglieder zu besuchen (Anruf genügt) und Mitglieder zu gewinnen und zu aktivieren. Den Türrahmen haben wir ja längst verlassen…

Otmar und Gudrun Hesse

In der ersten Reihe, neben "Sonne", "Himmel" und "Meer"

Die Leute sagen uns: "Ihr wohnt in Ammoudara in der ersten Reihe!" Sie haben Recht. Von unserem Balkon im ersten Stock der Apartmentanlage können wir nach Norden, Westen und Osten schauen. Wir sehen die Bucht von Iráklion, das blaue Meer, das meistens ruhig vor uns liegt, manchmal auch eine starke Brandung entwickelt, den sauberen Sandstrand und direkt unter uns den gepflegten Blumen-, Obst- und Gemüsegarten unserer Vermieterin, im Nordosten können wir die Insel Dia, im Osten den Hafen von Iráklion und das Pankritio-Stadion, im Westen vor den Bergen das E-Werk mit seinen vier Schornsteinen, den kleinen Hafen von Linoperámata und das Gestade von Rodiá erkennen.

Allein das gibt uns ein erhabenes Gefühl. Das müsste nicht unbedingt von unseren westlichen Nachbargrundstücken unterstützt werden. Aber die Besitzer sehen das wohl anders. Neben uns liegt der Sonnenclub, "Ilios Club". Ob der Eigentümer den antiken Sonnengott meint oder einfach nur "Sonne", ist nicht erkennbar. Aber wir haben gelernt, dass - bewusst oder unbewusst - alle Kreter in der antiken Mythologie leben, also wohl "Sonnengott". Passend dazu nennt sich die Nachbargaststätte "Heaven" - offensichtlich für jüngere Freunde des Englischen vorgesehen, allerdings habe ich dort bisher außer Griechen nur russisch sprechende Ausländer getroffen. Damit wir endlich wissen, wo wir sind, schließt sich die Sportanlage "Thalassa Club", Meer, an. Wir befinden uns "unter dem Himmel in der Sonne am Meer".

Das sind gute Voraussetzungen für ein evangelisches Pfarramt auf Kreta. Meine Freunde würden spotten: "So nahe warst du deinem obersten Chef noch nie." Mein "irdischer" Chef, die Evangelische Kirche in Deutschland, erwartet von mir, dass ich nicht Himmel, Sonne und Meer genieße, sondern regelmäßig Gottesdienst in den verschiedenen Regionen der Insel halte, dass ich die verstreuten ca. 3000 evangelischen Deutschen, Österreicher und Schweizer auffinde und besuche, dass ich zahlende Mitglieder gewinne…. So bleibt der Blick in die Umgebung. Vorrangig ist die Arbeit.

Aber hierzu gehören auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen. Meine Frau und ich bewohnen das größte und schönste Apartment der Anlage, d.h. einen Raum mit Balkon und Meerblick, der uns gleichzeitig als Wohnzimmer, Küche und Büro dient. Wenn ich dienstlichen Besuch habe, muss sich meine Frau in das zweite Zimmer, in unser Schlafzimmer, zurückziehen. Schließlich haben wir noch eine Toilette mit integrierter Dusche. Zum Glück konnte meine Vorgängerin ein Apartment direkt neben uns hinzumieten, ebenfalls mit Meerblick, Küchenzeile, Fernseher und Toilette mit Dusche. Wir benutzen die Toilette, um den Geruch aus der Wohnung fernzuhalten, und das Zimmer als Umkleideraum, als Lager für verschiedene dienstliche Gegenstände und für Haushaltsmaterial und auch als Gästezimmer. Alles zusammen kommen wir auf 60 m² Wohnfläche. Aber ich will jetzt nicht rechnen; denn auch in einer Tonne kann man philosophieren wie Diogenes, und auch in der kleinsten und ärmsten Hütte kann Leben gelingen.

Ihr fragt: "Haben denn die Apartments, in denen Ihr wohnt, keinen Namen?" Natürlich, ich will ihn keineswegs verschweigen. Auf ihn wird nicht mit einer Lichtreklame hingewiesen, sondere unsere beiden Vermieter, zwei Brüder, haben auf einem Holzbrett sowohl ihre Namen als auch den Namen der Anlage eingebrannt: "Minoica Beach Apartments". Das ist keineswegs anspruchslos. Sie wollen damit auf die minoische Kultur hinweisen, die schon vor der griechischen blühte. Auf Kreta befinden wir uns in der Wiege der europäischen Kultur. Hier wurde Zeus geboren und hier wuchs er auf.

So schließt sich der Kreis. Natürlich wollen alle vier Anlagen in der ersten Reihe Geld verdienen und die Touristen locken, die im Sommer wie Heuschrecken aus den Flugzeugen kommen. Aber die Eigentümer verraten mit ihren Namengebungen auch etwas über die kretische Seele. Dazu gehören die Götter und Göttinnen des Olymps, lebensfroh, aber auch streit- und mordsüchtig, und ihre verworrenen Familienverhältnisse, wo man nicht weiß, ob es die Schwester oder die Frau, der Vater, der Onkel oder der Großvater ist, und oft beides oder alles zutrifft. Dazu gehören die Heiligen der griechisch-orthodoxen Kirche, die Evangelisten, Apostel, Märtyrer, Bischöfe, Äbte und Asketen. In einem jeden Kreter steckt der freiheitsliebende Bergbewohner, der sein Dorf auch gegen die Staatsmacht verteidigt, und der Seefahrer und Abenteurer, der weltoffen und neugierig ist.

Jetzt wisst ihr, wo ich meine Andachten und Predigten vorbereite: in der ersten Reihe am Sandstrand von Ammoudara, mit Blick auf das Meer…

Erst Minás dann Martin - der Martinstag 2007 in der deutschen Schule in Fortetsa

Es ist sonnig am Morgen des 16. November 2007. Ich schaue auf den blauen Himmel des Kólpos Iraklíou. Unter ihm ist das Meer ruhig, es wird nur an der Oberfläche vom starken Südwind bewegt. Wenn man in der "ersten Reihe" in Ammoudára wohnt, muss man diese Situation nutzen und schwimmen gehen. Schnell bin ich am Strand. Der feine Sand zeigt ebenfalls die Spuren des Südwindes, er ist aber schon von der Morgensonne gewärmt. So wirkt das Wasser an meinen Füßen zunächst kalt, obwohl die Wassertemperatur bei 20 Grad Celsius liegen dürfte, während die Luft nur 18 Grad warm ist. Ich schwimme wie in den letzten Wochen auf das Meer hinaus. Beim Zurückschwimmen sehe ich, dass der Strand menschenleer ist. Nur die Hunde der Umgebung, die den Strand täglich als ihren Treffpunkt benutzen, sind zu hören und zu sehen.

In Deutschland hat es geschneit. In meiner Heimat ist im Harz die Skisaison eröffnet! Aber hier im Westen Iráklions ist seit einigen Wochen Saisonende: die großen Hotels, aber auch viele kleinere sind geschlossen; die "Supermärkte", die in Wahrheit "Tante-Emma-Läden" sind, haben ebenso wie die vielen Autovermieter, Restaurants und Strandbars, die alle hauptsächlich von den Touristen leben, "dicht gemacht". Selbst einige Briefkästen sind zugehängt. Verkäuferinnen, Kellner, Briefträger, Angestellte von Autovermietern sind ohne Arbeit, sie erhalten eine Unterstützung vom Staat, früher sagte man: "sie gehen stempeln". Wer Familie hat, d.h. wer einem "Clan" angehört, wird nun in den fruchtbaren Tälern, von denen es nicht viele gibt, und in den Bergen wohnen und bei der Olivenernte tätig werden. "Echte" Kreter, die keine Olivenbäume besitzen, sind mir bisher nicht begegnet. Der Beruf in der Stadt gibt wirtschaftliche Sicherheit, aber Ehre (timí) verdankt man der Eingebundenheit in die Familie und dem Besitz.

So finden sich im November auch viele Menschen ein, wenn im Nomos Rethymnis vom 7. bis 9. November an die Ereignisse von Arkadi erinnert wird oder wenn in Iráklion am 11. November das Fest des Heiligen Minás gefeiert wird. Minás ist der Namenspatron der Bischofskirche Kretas. Die 1895 (kurz bevor Kreta ein selbständiger Staat wurde) erbaute Kathedrale gehört zu den größten Kirchen Griechenlands. Na ja, über Geschmack lässt sich bekanntlich kaum streiten - uns Deutschen gefallen ja inzwischen auch die zur selben Zeit in unserem Lande gebauten spätromanischen und spätgotischen Kirchen …Ich finde aber in der an der Nordwestseite der Kathedrale stehenden alten Kirche Agios Minás eher die innere Ruhe zur Meditation und zum Gebet. Der Erzbischof Kretas, Oberhaupt einer direkt dem Patriarchat in Konstantinopel unterstellten Kirche, begegnet in seinen beiden Mináskirchen der älteren und der neueren Geschichte Kretas. Ergänzt werden sie im Nordosten der Kathedrale durch die ehemalige Klosterkirche Agia Ekaterini ton Sinaiton, in der sich heute das Ikonenmuseum befindet. Mit Recht kann gesagt werden: beim Sitz des Erzbischofs liegt die geistliche Mitte Iraklions und der ganzen Insel.

Darum habe ich Verständnis, dass der Heilige Minás den Heiligen Martin vom 11. 11. auf den 16. 11. verdrängt hat, wenigstens für die Kinder, Lehrerinnen und Eltern der Deutschen Schule in Fortetsa und damit auch für mich. Heute Abend wird nämlich dort der Martinstag begangen.

Fortetsa? Wie kommt man nach Fortetsa? Bei der Wegbeschreibung fangen auch die Eingeweihten an zu stammeln. Es gibt nämlich zwei Wege. Beide erfordern freilich kretische Fahrkünste und indianischen Spürsinn, bis man das jeweilige Schild erreicht, das auf die Deutsche Schule hinweist.

Ein Weg führt über die gut ausgeschilderte Strasse nach Knossós. Leider ist sie oft eine riesige Baustelle, also nicht unbedingt zu empfehlen. "Noch vor dem Krankenhaus muss man rechts abbiegen bei dem - ich weiß nicht genau wievielten - Kreisverkehr." Danach sollte man einfach immer der Straße folgen. Das ist nicht ganz einfach, weil sie mit vielen Kurven hoch in das Dorf führt. Im Dorf Fortetsa muss der Weg auch weiterverfolgt werden. Problematisch wird es erst, wenn man zum Dorfende kommt. Hier wird es so eng, dass man auf die Höflichkeit der anderen Verkehrsteilnehmer angewiesen ist. Darauf sollte man sich auf Kreta nicht verlassen! Aber in Fortetsa klappt es! Hier kennt offensichtlich jeder Autofahrer die Probleme und fährt zuvorkommend und höflich. Das ist eine gute Erfahrung! Direkt hinter dem letzten Haus muss man scharf bremsen, denn hier steht das Schild, man muss nun rechts abbiegen und einige Hundert Meter den Berg abwärts fahren, bis man zu einem Olivenhain kommt, in dem viele Autos parken, allerdings nur wenn Schulschluss ist. Im anderen Falle wird man sich beim ersten Male hoffnungslos verfahren.

Und der andere Weg? Ist er besser? Wenn man so wie ich von Nordwesten kommt, in der Tat. Aber er birgt drei Probleme. Das erste besteht darin, dass man die Brücke, die über die Nationalstraße führt, erwischen muss. Dazu muss man nur Einlass in das Einbahnstraßensystem finden, dann geht alles wie von alleine, ob man es will oder auch nicht, man ist plötzlich auf der anderen Seite, auf der Olof Palme Allee. Manchmal hat dieses System seine Tücken wie am 16. 11. 2007. Wenn einem mit einem Male Motorräder und Mopeds und sogar ein Auto entgegen kommen, darf man nicht denken, dass man selbst in der falschen Richtung fährt, und abbiegen. Dann ist man verloren in dem Gewirr von Einbahnstraßen, die auf beiden Seiten dicht zugeparkt sind, und hofft nur noch, durch ein Wunder die Straße nach Knossós zu finden. Nehmen wir aber nun einmal an, dass "Olof Palme" erreicht wurde. Die Straße, die an den ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten erinnert, ist das zweite Problem. Eigentlich ist sie sehr breit. Aber von dieser Tatsache sollte man sich nicht täuschen lassen, sondern auf den entgegenkommenden Verkehr achten. Die Fahrer scheinen die Absicht zu haben, Frontalzusammenstösse zu provozieren. Sie machen das aber nicht aus Heldenmut, sondern weil nur die Mitte der Straße ausreichend geteert ist. Wenn man zu stark an den Rand gerät, besteht die Gefahr von Achsenbrüchen und Reifenschäden. Das Fahren auf dieser Straße erinnert mich an meine ersten Fahrten in der ehemaligen DDR. Auch dort musste man mutig in der Mitte fahren. Heute ist das nicht mehr nötig, da in den neuen Bundesländern die Straßen besser sind als in ihren "alten" Nachbarländern. Das dritte Problem ist ähnlich wie bei Route 1. Wenn man den Eindruck hat, es geht nicht mehr weiter, einfach weiterfahren - wie meistens auf Kreta. Man darf nur auf der linken Seite das Schild vom Elternverein nicht übersehen. Dann verläuft die Straße leicht bergauf bis zum Olivenhain…

Ich bin angekommen - heute gegen meine Absicht auf Route 1 - und genieße von dem Schulgelände den wunderbaren Blick auf die Bucht von Iráklion und auf Kretas Hauptstadt. Die Venezianer hatten sich einen guten Platz für ihre Burg (Fortezza) ausgesucht.

Am heutigen Abend haben sich schon viele Menschen versammelt, ganz kleine Kinder, Kindergarten- und Schulkinder, Eltern sowie Lehrerinnen und Erzieherinnen der Deutschen Schule. Die Kinder erhalten ihre selbst gebastelten Laternen. Die Tische für die anschließende Bewirtung mit Hotdogs und Glühwein werden aufgebaut, Getränkekisten herangeschafft. Ich begrüße Bekannte, werde begrüßt, plaudere…Ich habe Zeit zum Nachdenken. Würde mich die plötzliche Aufforderung überraschen, etwas über den heiligen Martin zu sagen? Nein. Ich war schließlich Vikar in einer Martinsgemeinde, war Pfarrer einer Martinskirche. In Goslar war die Marktkirche am 10. November das Ziel der Kinder, die mir ihren Laternen von den anderen alten Stadtkirchen zum Marktplatz aufgebrochen waren, wo sie der Heilige Martin hoch zu Ross erwartete… Unsere Tochter heißt Martina nach ihrem Großvater Martin…Wir Lutheraner denken an zwei Martins, an Bischof Martin von Tours und an Martin Luther, der am 10. November 1483 geboren und am 11. November, dem Martinstag, getauft wurde. Geburts- und Namenstag an zwei auf einander folgenden Tagen wäre in Griechenland wahrscheinlich billiger für die Haushaltskasse?

Ich ahne, dass ich nicht gebraucht werde. Wenn die Kinder im Unterricht nicht auf den Martinstag vorbereitet wären, wäre es keine richtige deutsche Schule. Es dauert noch eine Weile, bis sich der Laternenzug in Bewegung setzt. Erst jetzt bemerke ich, wie stark hier oben der Südwind weht. Einige Laternen geraten in Gefahr. "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…" Die Kinder haben viel mehr Texte gelernt als ich. Ich kann mich nicht an Laternenumzüge in meiner Kindheit erinnern, es war Kriegs- und Nachkriegszeit.

Schade, dass man das Martinsfeuer wegen des starken Windes nicht entfachen kann. Es wäre unverantwortlich, die im Norden des Feuerplatzes stehenden Häuser zu gefährden. So geht es zur Schule zurück, wo das Martinsbrot an die Kinder verteilt wird. Ein kleines Kind gibt mir ein Stück ab. Lieb! Inzwischen drängeln sich viele, um ein Hotdog zu ergattern, die Erwachsenen trinken Glühwein.

Der "katholische" Martin und der "lutherische" Martin hatten ihren Tag hier oben in Fortetsa, und der Agios Minás wird es verkraften, das auch "orthodoxe" Kinder mitfeierten.

Ilias der Prophet oder Ilios der Sonnengott?

Amoudara am 2. November 2007

Er hatte mich schon lange angelächelt und gereizt, der Berggipfel im Westen, der aussah wie ein Sombrero, natürlich ohne Krempe, und von einer Kapelle gekrönt wurde. Der Stroumboulos überragt mit seinen 800 m Höhe alle anderen Berge in seiner Nähe. Natürlich kann er sich nicht mit den Gipfeln in der Ferne messen, die Höhen von über 2400 m erreichen. Aber die eigene Größe hängt auch mit der Nachbarschaft zusammen, ist relativ. Das gilt freilich nicht nur für Berge.

Mir hatten schon die Berge in Meeresnähe Probleme bereitet. Immerhin hatte ich als Läufer einen von ihnen von drei Seiten erkundet, worauf ich stolz war. Bei einer Besteigung des Stroumboulos musste ich wohl oder übel mein Auto benutzen, der Berg war zu weit von meinem Wohnort Ammoudara entfernt. So fuhr ich auf der alten Nationalstraße (Ethnikos odos) an Arolithos vorbei Richtung Rethymnon, um den Aufstieg von Westen her zu beginnen.

Nach ca. 15 Kilometern hielt ich an, blickte von Westen auf den Berg und sah einen Weg, der sich auf einen Bergrücken schlängelte. "Von dort mag der Aufstieg möglich sein", dachte ich, parkte den Wagen etwas entfernt von der Straße und lief los. Die Sonne schien wie im Sommer, so konnte ich wohlgemut und motiviert meinen Berglauf beginnen. Das ging auch einige Zeit gut. Der steinige Weg wand sich zu einer Anhöhe hinauf. Nachdem ich ein Tor geöffnet und hinter mir wieder geschlossen hatte und anschließend eine Schafherde, die sich auf dem Wege ausruhen wollte, gestört hatte, kam ich zu einem gemauerten Wasserbehälter. Weiter ging der Weg nicht.

Der Gipfel war aber noch einige Hundert Meter über mir. "Ach", dachte ich, "wenn du einige Meter hoch kletterst, wirst du den richtigen Aufstieg finden." Gedacht getan. Es ging. Es war sehr steil, nur für Ziegen leicht zu meistern. Beim wiederholten Blick nach oben, stellte ich fest, dass es keine Spur von einem Weg gab. Als mir schließlich noch ein Zaun den Weg versperrte, gab ich auf. "Griechen klettern bestimmt nicht durch das Gelände, wenn sie die Bergkapelle besuchen wollen. Es muss einen anderen Zugang geben", davon war ich jetzt überzeugt. Der Abstieg war viel schwieriger als der Aufstieg, weil ich erst jetzt bemerkte, wie steil es war. Dennoch gelangte ich nach kurzer Zeit wieder bei dem Wasserreservoir an. Von dort konnte ich zu meinem Auto zurücklaufen.

Ich fuhr die Hauptstraße Richtung Iraklion zurück; denn die Auffahrt musste wohl von Osten erfolgen. Und so war es in der Tat. Etwa fünf Kilometer vor Arolithos fand ich einen Wegweiser zum "Propheten Elias" und zum Gipfelkreuz. Auf einer nicht ausgebauten, aber befahrbaren Gebirgsstraße erreichte ich nach vielen Kehren den Bergrücken bei einer kleinen, dem Heiligen Georg geweihten Kapelle. Sie lag, wenn man so will, am oberen Ende einer großflächigen "schiefen Ebene", die durch das frische Grün beeindruckte und auf der viele Wege auseinander- und zusammenliefen. Der Aufstieg zum Stroumboulosgipfel war von Agios Jorgos aus zu sehen.

Ich parkte mein Auto an einer Weggabelung, nahm eine Flasche Wasser und lief los. Nun konnte ich endlich meinen Berglauf beginnen. Die Novembersonne schien weiterhin intensiv, ohne zu stechen, und gab mir zusätzliche Kraft. Allerdings war nach ca. einem Kilometer der Traum vom Berglauf beendet. Durch die Felsen führte nun nur noch ein schmaler Fußpfad nach oben. Man hatte ihn aber sorgfältig mit gelben Pfeilen gekennzeichnet. So setzte ich den Weg als Wanderer fort, genoss die Einsamkeit und schaute oft in die "schiefe Ebene", wo mein Auto stand, oder auch auf die Berge in der Nähe und Ferne. Alle zehn Minuten setzte ich mich auf einen Stein, trank einen Schluck Wasser und betrachtete die Insekten, Pflanzen und Blumen in meiner nächsten Umgebung. Beim Aufstieg merkte ich, dass die Gesteinsarten wechselten. Meistens war es gelber Sandstein, aber es gab auch Stellen mit rotem Sandstein, seltener waren die schwarzen glänzende Felsen. "Geologie war nicht mein Schwerpunkt", bedauerte ich.

Nach einiger Zeit wurde ich ungeduldig. "Irgendwann müsste der Gipfel doch erreicht sein", hoffte ich. Aber es dauerte noch eine Weile. Der Weg wechselte dauernd die Richtungen, er war manchmal fast eben und sandig, dann ging er wieder steil durch Felsen hinauf. Trotzig beschloss ich: "An manchen Stellen werde ich beim Abstieg laufen!" Immer war noch kein Blick auf die Kapelle und das Gipfelkreuz möglich. Es dauerte insgesamt - immer länger werdende - 45 Minuten, bis ich auf einer kleinen grünen, mit Blumen besäten Wiese ankam und die Kapelle und das Gipfelkreuz oberhalb von mir sah. Das Gelände war eingezäunt. Als ich das Tor öffnete, sah ich eine 1,5 l Flasche mit Wasser dort stehen. "Alle Achtung!", dachte ich. Aber ich hatte noch genug Wasser. Vor der Kapelle genoss ich den Blick auf Iraklion und das Meer. Meine Vermutung, dass jemand - z. B. ein Einsiedler - von dort oben regelmäßig die Gegend beobachtete, wurde nicht bestätigt. Menschen waren seit längerer Zeit nicht hier oben gewesen.

Zum Glück war die Eliaskapelle geöffnet. Innen bot sich ein "geordnetes Durcheinander". Die leeren Wasserflaschen hatte man in zwei Säcken gesammelt. Kerzen, Ölflaschen und Feuerzeuge lagen weniger sortiert herum. Manche Ikonen hatte man übereinander aufgehängt. Es gab auch einige Stühle. Geübte Hände hätten in kurzer Zeit eine Ordnung herstellen und die Kapelle für einen Gottesdienst vorbereiten können.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und ruhte mich aus. Meine Gedanken kreisten anfangs um die Namengebung der Bergkapellen auf Kreta. Warum sind die meisten dem Propheten Elias (Ilias) geweiht? Elias spielt auch im Neuen Testament eine Rolle. Bei der Ankündigung der Geburt des Johannes wird vom Vorläufer (Prodromos) gesagt, dass er "im Geist und in der Kraft des Elias vor ihm hergehen wird" (Lk 1,17). Johannes wird gefragt: "Bist du Elias?" (Joh 1,25), Johannes verneint es; aber Jesus sagt: "Er ist der Elias, der da kommen soll" (Mt 11,14). Andere halten Jesus für den wiedergekommenen Elias (Mt 16,14 parr.). Elias ist ein großer Prophet.

Warum die Berge? Da hilft der Blick in das Alte Testament. Auf dem Karmel, von dem man auch auf das Meer schauen kann, erfolgt durch Elias das furchtbare Gemetzel der Baalspriester (1. Könige 18). - Elias wird von Gott geschützt und zieht sich in eine Höhle am Berg Horeb zurück (1. Könige 19). - Elias gilt als unsterblich, weil er entrückt wird (2. Könige 2,11). Die Zeitgenossen vermuten: "Vielleicht hat ihn der Geist des Herrn genommen und auf irgendeinen Berg oder in irgendein Tal geworfen" (2. Könige 2,16). "Das könnte ein Berg auf Kreta sein…", vermutete ich in der Kapelle "Profitis Ilias" auf dem Stroumboulos. Elias passt zu dem wilden, freiheitsliebenden, gottesfürchtigen kretischen Bergvolk.

Es gibt noch eine andere Deutung, die mit den auf Neugriechisch sehr ähnlich klingenden Namen zusammenhängt, ohne dass sie etymologisch etwas miteinander zu tun haben. Ilias (Elias) erinnert an den Sonnengott Ilios (Helios). Der blond gelockte Sonnengott Ilios, der auf seinem von geflügelten Pferden gezogenen Wagen daherkommt, ist ein Sohn der Titanen Hyperion und Thea, ein Enkel des Ouranos und der Gaia. Bei Ilias denken die Kreter vielleicht auch an Ilios, die Sonne, die über den Bergen steht. So könnten sich Mythologie und Christentum vereinigt haben? Ich wollte nicht mehr weiter fantasieren…

Als ich aus der Kapelle trat, hatte sich das Wetter verändert. Es war kühl geworden, Regen kündete sich an … So machte ich mich auf den Rückweg und erreichte - je nach Situation ängstlich über Steine steigend, stolpernd, aber auch springend und laufend - wohlbehalten mein Auto. Mütze, Hemd und Hose, sogar die Socken waren durchgeschwitzt. Es wurde Zeit, dass ich in das durch die Sonnenstrahlen erwärmte Auto steigen konnte.

Bei der Rückfahrt gingen mir Ilias und Ilios nicht aus dem Sinn. Der alttestamentliche Prophet Ilias hatte mir Angst gemacht, der heidnische Sonnengott Ilios dagegen mich begleitet und erwärmt.

Freiheitskämpfer, Popen und "Priesterinnen"

Am Psiloritis, Mittwoch, den 7. November 2007

(Zum Verständnis vorangestellt: "Wildes Kreta, wilder Süden. Mafia-artige Szenen spielten sich am Montag auf Kreta ab. In der Nähe des Dorfes Zoniana, südöstlich von Rethymno, beschossen etwa 70 Kreter einen Polizeikonvoi. Drei der Polizisten wurden dabei verletzt, einer davon lebensgefährlich. Die insgesamt 43 Polizisten, zu denen auch Mitglieder einer Spezialeinheit gehörten, hatten sich zum Zeitpunkt des Überfalls mit dem Auftrag, nach Drogen zu fahnden, in zwölf Geländefahrzeugen dem Dorf genähert…" Griechenland Zeitung, Ausgabe Nr. 105, 7. November bis 13. November 2007)

Für den 7. November habe ich mir vorgenommen, die Höhle Ideo Andro am Psiloritis zu besuchen. Das Wetter ist passend, warmer Sonnenschein und Wolken, kein Regen. Nach einigen Büroarbeiten am Vormittag kann ich losfahren. Von Amoudára ist es ja nicht weit, ca. 50 Kilometer.

Eine Warnung sagt mir, denke daran, dass in der Gegend große Polizeiaufgebote versammelt sein können wegen der Operation (epichírisi) der EKAM gegen die Haschischanbauer. Aber ich will ja nicht nach Zonianá, sondern zur Höhle.

So komme ich nach ca. 30 km Fahrt in Anógia an. Ich sehe Männer in Uniformen und eine große Menschenmenge auf einem Platz. "Sollte die Polizeiaktion schon hier begonnen haben?", frage ich mich. Ich parke mein Auto an der Hauptstraße und gehe zu dem Platz hinter dem Krankenhaus zurück. Dort ist ein Altar aufgebaut, Treppen führen zu einem weiteren altarähnlichen Tisch mit einer schönen Handarbeit als Decke, daneben stehen ein Ständer mit einem Mikrophon und ein Lesepult. Über eine weitere Treppe gelangt man zu einem martialischen Kriegerdenkmal, das wie die meisten Denkmale dieser Art keine künstlerische Ausstrahlung hat.

Die Menschen, meistens Männer, stehen in kleineren und größeren Gruppen auf dem Platz und unterhalten sich leise. Diejenigen, die ich beim Vorbeifahren für Polizisten gehalten hatte, entpuppen sich als junge Männer, die Uniformjacken tragen. Es ist überhaupt kein Polizist zu sehen.

In der Nähe einer Kapelle stehen drei Popen. Ich frage sie auf Griechisch, ob jemand Englisch spricht, sie verneinen. Ich ergänze: "Und Französisch?" Sie lächeln: "Nein, überhaupt nicht". So setze ich das Gespräch auf Griechisch fort und sage ihnen, dass ich ein deutscher "Papas" sei. Der Wortführer fragt nach meiner Kirche, und ich erkläre ihm, dass ich ein Lutheraner, d.h. ein Protestant sei. Die Ökumene scheint ihn aber nicht zu interessieren. Vielmehr beendet er diesen Gesprächsabschnitt mit der Aussage: "Wir sind orthodox". Ich frage ihn, aus welchem Grunde sie anwesend seien. Er sagt, es sei ein Fest eines Arkadikämpfers namens Manolis Skoulás, der aus Anógia stamme. Man feiere dieses Fest einen Tag vor Arkadi. Darauf dass ich Deutscher bin, dass die deutsche Wehrmacht 1944 alle Männer des Dorfes, derer sie habhaft werden konnte, umgebracht hat, dass an dieses Massaker eine Tafel neben dem Rathaus wenige Hundert weiter unten erinnert, geht er nicht ein, vielleicht weil das Dorf zu einer Touristenattraktion - auch und besonders - für Deutsche geworden ist…

Ein anderer Pope hat inzwischen einen jungen Mann gefunden, der Englisch versteht und mir noch einmal erklärt, aus welchem Anlass man sich hier versammelt habe. Auf meine Frage, was er von den Ereignissen in Zonianá halte, antwortet er: "Mit denen haben wir in Anógia nichts zu tun. Sie sind anders als wir. Was dort passiert, ist ein Schaden für unsere ganze Region." Als ich nachfrage, wie es mit den Einwohnern von Livádia sei, antwortet er kurz: "Die sind so wie wir." Danach scheint er anzunehmen, dass mein Informationsbedürfnis befriedigt sei, und verlässt mich, um sein Gespräch mit einigen Männern, die bei ihren Autos stehen, fortzusetzen.

In vielen Reiseführern steht, dass die Menschen in Anógia anders sind als die sonstigen Kreter: Sie sprechen einen eigenen Dialekt, sie seien von den Türken nie unterdrückt worden, dadurch hätten sie auch keine Familiennamen mit "-akis" ("-lein"), sie hätten sich bei allen Freiheitsbewegungen beteiligt und ausgezeichnet. Ich weiß, dass das auch für Livádia, Zonianá und andere Nachbardörfer gilt…

Um mit meinem gelben Pullover nicht aufzufallen, gehe ich zu meinem Pkw zurück und ziehe den Pullover aus und einen dunkelblauen Blazer an. Bis der Festakt beginnt, kann ich die Menschen betrachten. Die von mir erwartete Kleidung der Dorfbewohner trägt nur ein einziger Mann: schwarzes Kopftuch mit Troddeln (mandíli me ta krósia), schwarze Schaftstiefel (stivánia), schwarze Pluderhose (vráka), schwarzes Hemd und eine schwarze Jacke. Er hat einen gewaltigen grauen Schnurrbart, der allerdings durch starkes Rauchen gelb verfärbt ist. Ich könnte ihn mir gut mit Pistolen und Säbeln im Gürtel vorstellen. Aber er ist unbewaffnet.

Die meisten Männer sehen aus wie Kaufleute, Handwerker, Arbeiter, Bauern, Hirten, die ihre Arbeit für kurze Zeit verlassen haben. Viele sind allerdings auffällig groß, über 1,80 m. - Eine Gruppe in der Nähe der Treppe zum Rednerpult wirkt wie die Dorfprominenz, da einige Männer Anzüge und Hemden mit Krawatten tragen. Meine Beobachtung wird sich bestätigen, es sind Bürgermeister und andere Prominente. - 14-16jährige Mädchen stehen in Kleingruppen herum und suchen die Blickkontakte zu den jungen Männern und albern. Sie haben sich auffällig geschminkt.- Zwei junge Ehefrauen in meiner Nähe konnten mit ihrem Make up und ihrer Kleidung besser umgehen. Die ältere trägt braune Lederstiefel sowie einen Rock und eine Jacke in den dazu passenden Farben, "Ton in Ton", schick, die jüngere hochhackige schwarze Lederstiefel, eine schwarze enge Hose und eine schwarze Jacke - eine moderne weibliche Antwort auf die Kleidung des "Kriegers"(?). Sie ist eine Schönheit mit ihren langen leicht gelockten schwarzen Haaren und ihrem ausdrucksvollen Gesicht. Es steht völlig im Gegensatz zu dem nichts sagenden Gesicht der älteren Frau, mit der sich die beiden jungen Frauen die ganze Zeit, auch bei der folgenden Ansprache, angeregt unterhalten. Wohl Mutter und Töchter? Die ältere Tochter wird später als einzige erwachsene Frau einen Kranz niederlegen und danach bei den Honoratioren bleiben.

Nach einigen Minuten erscheint eine Grundschulklasse mit einer fülligen und sehr großen (über 1,80 m) Lehrerin, die ebenfalls sehr lange schöne braune Haare hat. Auf die Kinder wirkt die stattliche Lehrerin aber nicht, sie sind von ihr nicht ruhig zu halten.

Die Popen, inzwischen sind es vier, ziehen sich ihre goldenen Stolen (epitrachília) über und beginnen die Feier mit Gebeten, Weihrauch und Gesang. Sie sprechen und singen alles auswendig - ich könnte das nicht! Freilich kommen sie sowohl bei den Texten als auch bei den Gesängen selten in denselben Rhythmus, und auch die Melodien sind so unterschiedlich, dass ich lachen muss. Nein, ein "himmlischer Chor" ist das nicht. Sie kommen wohl aus verschiedenen Dörfern und sind es gewohnt, allein Rhythmus und auch Melodie zu bestimmen.

Die eigentliche Feier beginnt am "oberen Altar". Die Moderation übernimmt eine selbstbewusste junge Frau, die sich auch durch die obligatorische Panne mit der Lautssprecheranlage nicht aus der Ruhe bringen lässt und souverän durch das Programm führt.

Die Rednerin ist ebenfalls eine Frau, die das Geschehen in Arkadi und danach zur Sprache bringt. Sie versteht es, in verschiedenen Lautstärken, zeitweilig traurig, zeitweilig dramatisch, zeitweilig mitfühlend zu sprechen. Manchmal ist sie belehrend, manchmal demagogisch. Ab und zu kommt sie beim Umblättern ihres Manuskriptes ins Stocken, das macht ihr aber wenig aus. Kurzum: auch sie versteht ihr Geschäft. Ich bedauere, dass ich nicht genug Griechisch verstehe. So muss ich mir aus Brocken den Inhalt der Rede erschließen: das Geschehen in Arkadi, den Freiheitskampf damals und später, man müsse aus der Geschichte lernen, Zitate von Schriftstellern wie Emile Zola, die mir bekannt sind…Ich hätte gerne herausgefunden, wie die beiden modernen Frauen zu dem Heroentum der Männer stehen; denn in Anógia sollen schon früh selbstbewusste Frauen gewesen sein und die erste griechische Frauengenossenschaft gegründet haben. Ich überlege, ob ich die Rednerin um ihr Manuskript bitten soll, lasse es dann aber. Es könnte ja sein, dass sie dieselbe Rede schon mehrmals gehalten hat, vielleicht auch im letzten Jahr…Die Umarmungen, das Handschütteln und die ermunternden Blicke nach der Rede von Seiten der Prominenten nimmt sie jedenfalls lässig und routiniert entgegen.

Anschließend werden viele Kränze niedergelegt. Nacheinander schreiten wie in einer antiken Prozession die Bürgermeister, die Vorsitzenden von verschiedenen Vereinigungen, darunter auch die junge Frau aus meiner Nähe, die Abordnungen der Schulen, die Gymnasiasten, zwei Teenager-Mädchen und zuletzt zwei Grundschüler die Stufen zum oberen Altar und dann zum Freiheitskämpfer hinauf, wo sie einen Kranz niederlegen und photographiert werden, um schließlich unter Beifall wieder herabzusteigen. Abschließend "piepsen" die Grundschülerinnen und -schüler ein Lied, das ebenfalls beklatscht wird. Dann ist die Feier zu Ende.

Die Menge, es werden weit über hundert Personen gewesen sein, löst sich auf. Die Schüler gehen in ihre Schulen, die Frauen in ihre Büros und Häuser, die Männer an ihren Arbeitsplatz oder ins Kafenion. Die Popen fahren in ihre Dörfer zurück.

Ich denke an eine Veröffentlichung eines kretischen Soziologen. Dort heißt es, dass die Kreter in den letzten Jahrhunderten keine eigenen Herrscher gehabt haben, sondern nur fremde, Byzantiner, Venezianer, Türken, von denen sie sehr spät - erst 1898 - die Freiheit erlangten, So konnte sich keine intellektuelle Elite bilden. Es gab keinen Adel, aber andere Autoritäten, die Freiheitskämpfer und die - oft ungebildeten - Popen und Äbte, die immer auf der Seite der Freiheitskämpfer waren.

Ich frage mich, was die gebildete selbstbewusste Rednerin dazu gesagt hat oder sagen würde. Schade, ich hätte mir das Manuskript mit ihrer Adresse doch geben lassen sollen.

Da ich auf der Hauptstraße nicht wenden kann, muss ich durch den Ort fahren und komme dadurch zweimal an dem Rathaus mit dem Massakerdenkmal vorbei. Dabei begegnen mir die Besucher der Feier, die Schulmädchen, nun zusammen mit gleichaltrigen Jungen, ältere Männer und Frauen.

Ich mache mich auf den Weg zu meinem eigentlichen Ziel, der 22 km entfernten Höhle. Auf der Fahrt dorthin sehe ich niemand, ich bin allein auf der Straße. Sie ist gut ausgebaut, allerdings sind zum Tal hin manchmal größere Teile des asphaltierten Randes abgebrochen und abgestürzt. Es ist Vorsicht geboten. Ich halte an einem Aussichtspunkt und lasse mich von einer Tafel über die Geologie der Nidaebene belehren. Die Landschaft spricht mich an. Unter mir sehe ich die Ebene mit ihrem frischen Grün. Sie erinnert mich an Diskussionen über Bergwiesen im Harz und insbesondere in Goslar. Im Hintergrund steigt das Bergmassiv in die nebligen Wolken. Ich fahre einige Kilometer weiter und werde aufgeklärt, dass ich in einem Skigebiet bin. Außer dem Hinweisschild ist keine Infrastruktur vorhanden. Die Straße endet auf einem großen Platz, an dessen Nordseite sich ein Gebäudekomplex befindet, der wohl zu anderen Zeiten als Informationszentrum, Restaurant usw. dient. Er sieht verlassen aus. Vielleicht ist er im Sommer gut bevölkert, wenn Touristenbusse mit "Höhlenbesuchern" kommen. Oder gehört er zum Skigebiet?

Eine Tafel am Ende des Platzes weist auf die Höhle hin, die in der Nähe sein muss. Als ich frische Autospuren sehe, entschließe ich mich, mit dem Pkw den Feldweg hochzufahren. Ich komme nach vorsichtiger Fahrt über eine sehr felsige Strecke bei der Höhle an. Verrostete Schienen und ein nicht mehr benutzbarer Aufzug lassen die Spuren früherer archäologischer Tätigkeiten erkennen. Holzbohlen als Stufen führen in die Höhle hinunter. Würden mir nicht Texte aus der Mythologie einfallen und Erinnerungen an Reiseführer wach werden, könnte ich mit der Höhle, dem Ziel meiner Reise, nichts anfangen. Beim Aufsteigen aus der Höhle denke ich an Prozessionen in minoischer und griechischer Zeit. Plötzlich erscheinen mir die beiden Damen am "oberen Altar" in Anógia als antike "Priesterinnen"…Ich beschließe trotzdem, die Höhle nicht als Reiseziel zu empfehlen.

Auf der Rückfahrt halte ich an einer kleinen Kapelle, schaue auf die Nidaebene und lese die Grabinschriften auf dem Gelände. Sie erinnern an Freiheitskämpfer, die im Kampf gegen die deutschen Eroberer gefallen sind… Vorsichtig bergab fahrend gelange ich zu der verlassenen Touristenstation und fahre die 22 km bis Anógia zurück. Dieses Mal begegnet mir ein Lieferwagen eines Hirten, der Wasser zu seinen Herden bringt. Wie beim Hinweg muss ich manchmal langsam fahren oder warten, bis Schafe und Ziegen die Straße überquert oder verlassen haben.

In Amoudára angekommen, stelle ich das griechische Fernsehen an. Überall wird über Zonianá diskutiert. Leider verstehe ich die leidenschaftlich streitenden Männer nicht richtig. So weiß ich nicht, wer der "Befreiung" ("apelefthérosi" steht in Häkchen unter den Fernsehbildern) Zonianás zustimmt und wer die Bewohner Zonianás, die "ehemaligen Schafdiebe" (Im vermutlich von Festlandsgriechen verfassten Reiseführer steht: Der Viehdiebstahl hat eine lange Geschichte auf Kreta. Er sei Bestandteil der gesellschaftlichen Beziehungen und "akzeptiert als eine Institution, in der sich Heldentum und Überlegenheit ausdrücken konnten…"-. Aber auch der aus Anogia stammende Soziologe Vuidaskis schreibt, dass der Tierdiebstahl - zooklopí - für junge Männer als Heldentat gewertet wurde; er durfte nur nicht in der Nähe der eigenen Dorfgemeinschaft erfolgen, S. 257 Anm. 70) und heutigen "Haschischanbauer", verteidigt, die vielleicht ihren Beitrag zum Verständnis der kretischen Seele liefern wollen. Oder sind es Reste eines längst überholten Heroentums, das von den Männern mit Waffengewalt gegen die Polizei verteidigt wird. Bergdörfer haben ihre eigene Geschichte.

Was können die heutigen Autoritäten, die gewählten Bürgermeister, der Staat, aber auch die orthodoxen Popen, die selbstbewussten modernen Frauen und die Tourismusexperten ändern? Welches Bewusstsein von Freiheit können sie vermitteln?

Wir Jungen aus Zoniana und Krana

Ammoudara im Dezember 2007

Endlich ist die Schule aus. Es macht dort keinen Spaß mehr; denn unsere Lehrerin, die wir täglich ärgern, hat einfach nur noch Angst vor uns. Wir haben es geschafft! Jetzt haben wir andere Wege gefunden, um anderen Angst zu machen. Wenn wir auf den Dorfstraßen unterwegs sind, machen wir den Wettkampf "Pkws schlagen". Lieferwagen und Jeeps lassen wir aus, weil es zu gefährlich ist, da sie viele herausstehende Teile besitzen. Doch ich muß uns ja noch vorstellen: Wir sind 6-8 neunjährige Jungen. Das Spiel findet nach der Schule statt. Es ist ganz einfach: Manolis - er ist unser Anführer - geht so auf entgegenkommende Autos zu, dass sie langsamer fahren müssen. Wenn sie an uns vorbeikommen, schlagen wir mit Gewalt gegen das Auto. Sieger ist, wer die meisten Schläge am Tage vollbracht hat, bei Punktgleichheit entscheiden die Wagentypen. Am höchsten bewertet werden Sportwagen.

Natürlich mussten wir die Regeln und die Techniken erst entwickeln. Hier hat uns auch die Schule geholfen, denn wir haben lesen und schreiben gelernt. Zunächst müssen wir nämlich das Nummernschild entziffern. Bei Kennzeichen aus dem Nomos Rethymnis ist Vorsicht geboten. Einmal kam uns ein neuer Porsche entgegen. "Das gibt Punkte", dachten wir. Da das Kennzeichen aus dem Nomos Irakliou war, konnten wir unser Werk beginnen, erfolgreich stoppte Manolis den Wagen, und wir setzten drei Schläge. In der Regel fahren die Autos mit den schimpfenden Fahrern einfach weiter. Aber hier hatten wir nicht mit den Insassen gerechnet. Der Fahrer sprang aus dem Wagen und rannte hinten herum um sein Auto, der Beifahrer versperrte uns nach vorne den Fluchtweg. Im Nu hatte jeder von uns einige Ohrfeigen erhalten. Im Wagen saßen zwei Vettern von Manolis Vater aus Iraklion, die der Familie den neuen Porsche zeigen wollten. Weil es Männer aus dem Dorf waren, konnten wir keine Hilfe erwarten. Dumm gelaufen.

Anders ist es bei Fremden. Einmal hatte ein Engländer - oder war es ein Deutscher? - Stylis gepackt und seinen Kopf gegen das Auto gestoßen und uns Unverständliches gerufen. Wir standen im gehörigen Abstand abseits; denn der Mann war sehr groß und kräftig. Als Stylis laut schrie, kamen unsere Verwandten aus den Werkstätten und Läden und umstellten drohend den Ausländer. Er entdeckte im Gürtel vom Onkel von Minas eine Pistole. Er war vor Angst schlotternd in sein Auto gestiegen und eiligst weggefahren. Die Männer und wir mussten laut los lachen.

Seit November fahren unsere Männer keine Sportwagen mehr. Sie haben diese Fahrzeuge gut in den Schuppen versteckt, da die Polizei bei uns kontrolliert. Täglich fahren Konvois durch Zonianá. Und wir müssen aufpassen; denn manchmal finden sich auch Privatwagen mit Polizisten in den Konvois. Immerhin ist durch die Polizei unser Spiel aufregender geworden, da wir damit rechnen müssen, dass die Fahrer an den Ortseingängen, wo sich die Polizei aufhält, gegen uns Anzeige erstatten. Heute haben wir einen Hyundai, einen BMW, einen Renault und einen Volkswagen getroffen. Das war wenig. Aber es ist ja Winter. Wenn die Touristen da sind, sind wir viel erfolgreicher. Es macht uns weiterhin Spaß. Wenn wir etwas älter sind, wird es noch aufregender. Dann werden wir wie die älteren Jungen und jungen Männer mit Gewehren und Pistolen auf die Ortsschilder schießen. Es hat mir einmal ein Fremder gesagt: "Ihr wohnt dort, wo die Ortsschilder zersiebt sind."

Wer schreibt dieses alles? Ich bin Giorgos, der fünfte Sohn von Manolis Z., und habe diesen Text als Hausaufsatz geschrieben. Das Thema war: "Was ich in meiner Freizeit mache". Aber ich werde ihn wohl nicht abgeben, weil die Lehrerin sofort zum Schulleiter laufen würde. Und meine Freunde will ich ja auch nicht verraten.

Im Supermarkt auf Kreta

"Supermärkte" gibt es auf Kreta viele Tausende. Das liegt daran, dass sich viele Tante-Emma-Läden als "Supermarkt" bezeichnen. Ich möchte heute meine Erfahrungen mit "echten" Supermärkten beschreiben. Wenn ich richtig informiert bin, haben die Franzosen mit den "Carrefour"- Märkten und die Deutschen mit den Lidl-Märkten in Griechenland große Marktanteile.

Auf Kreta gibt es fast überall Lidl. Selbst in den entfernten Ecken wird auf diese Märkte hingewiesen. Im Lidl kauft "man" und "frau" aber nicht täglich ein, sondern fährt dorthin, wenn es Sonderangebote gibt, z. B. technische Geräte, Sportartikel, Werkzeuge, Bettwäsche usw. Man weiß durch die überall verteilten Werbeprospekte genau, ab wann welches Angebot gilt. Billig kann man sich dann Gymnastikmatten, Schraubenschlüssel oder auch die Weihnachtsgans besorgen. Lidl-Kunden haben den Prospekt in der Hand und suchen die Sonderangebote aus. Na ja, manche füllen ihren Einkaufswagen dann doch bis zum Rand. Gefüllt sind die Lidl-Märkte nicht. Meistens ist nur eine Kasse besetzt. An der Kasse müssen die Kunden die Plastiktüten bezahlen.

Das ist in den französischen Märkten nicht der Fall. Man kann sich Plastiktüten in Hülle und Fülle nehmen. Aber daran liegt die große Beliebtheit dieser Märkte nicht. In "unserem" "Carrefour" in der Nähe der Kreuzung Iraklion - Ammoudara - Gazi, nicht weit von "unserem" Lidl, kann man frisches Gemüse und viele andere Waren, die "dopia", d.h. einheimischer Provenienz, die "kretensisch" sind, kaufen.

Der französische Supermarkt hat einen sehr großen Parkplatz. Aber man braucht ihn in dieser Größe nicht. Denn überall dort, wo Parkverbotsschilder stehen, wird geparkt. Meistens gibt es deswegen in der Einfahrt zum Markt nur einen engen Durchschlupf für einen Pkw und vielleicht auch einen Jeep. Man muss wissen, dass die griechischen Autofahrer nicht gerne zu Fuß gehen. Selbst die Mutter-und-Kind-Parkplätze in Eingangsnähe sind manchmal von Lieferwagen, aus denen Bauern aus der Nachbarschaft steigen, voll geparkt. Das ist nicht so schlimm, denn auch die Mütter gehen nicht gern zu Fuß und haben oft schon vorher eine Parkmöglichkeit gefunden.

Nun sucht man sich einen geeigneten Einkaufswagen - das ist sinnvoll, da manche nicht gut geradeaus fahren - und fährt durch die bewachte Eingangssperre. Wir wollen in der Regel nur Lebensmittel kaufen, aber wir müssen immer durch die Fernseh-, die Haushaltswaren-, die Bücher- und Schulbücher- und die Textilabteilung hindurch. Hier werden wohl die größten Umsätze gemacht. Wenn es anfängt zu "riechen", dann nähern wir uns den Lebensmitteln. Anfangs kommt nämlich der Fischladen, in dem meistens wenig Betrieb ist; denn Fisch ist teuer. Nur wenn Sonderangebote gemacht werden, dann wimmelt es von Kunden.

In der Gemüseabteilung hat man ein großes Angebot. Man sollte allerdings Griechisch lesen können. Nicht alles ist zweisprachig ausgeschildert. Aber das meiste können selbst Analphabeten kaufen, Apfel ist Apfel usw. Man sollte anfangs das Kaufverhalten der Einheimischen beobachten. Wenn eine Griechin 5 Tomaten kaufen möchte, hat sie mindestens 30 Tomaten in der Hand gehabt. Die Tomaten müssen schön rot, sauber und vor allem fest sein. Ich lerne schnell. Nun muss man sie in eine Tüte bugsieren. Anfangs habe ich fünf Minuten gebraucht, um die Plastiktüten aufzufummeln. Jetzt kann ich es. Dann geht es zur Waage. Auf dem Tresen stehen zwei Waagen. Die Verkäuferin kann bei dem großen Kundenandrang in rasender Eile die Ware wiegen und mit einem entsprechenden Etikett für die Kasse versehen. Sie muss nur drücken: "Bohnen, Tomaten, Orangen, Gurken, Oliven aus Kalamata, Oliven aus Kreta usw." Der Rest wird vom Computer erledigt.

Bei den Backwaren gibt es auch "Síkali Germanikí" (deutsches Roggenbrot) und "Bagéta Gallikí" (französische Baguette). Doch ich will nun nicht weiter mit meinen Einkäufen langweilen. Vielmehr möchte ich noch die Wege mit dem Einkaufswagen beschreiben. Das Vorankommen ist nicht leicht, denn die Griechen lieben ihr Handy (Kinitó) und ihre Familie. Wenn jemand einen Anruf erhält, bleibt er sofort stehen und telefoniert laut, es ist ja ein Ferngespräch. Hierbei darf man selbstverständlich nicht stören und sollte lieber einen anderen Weg suchen. Ein solches Gespräch kann lange dauern. - Wenn sich Freunde und Verwandte treffen, bleiben sie auch stehen und reden laut miteinander. Da einige Männer und Frauen nun "so hoch wie breit sind", ist dort auch kein Durchkommen. Außerdem ist damit zu rechnen, dass auch noch weitere Freunde und Familienmitglieder im Laden sind. So muss vermutet werden, dass an dieser Stelle ein größerer Menschenauflauf entsteht, und man sollte lieber auf Umwegen sein Ziel suchen.

Wir haben inzwischen - wie auch immer - die Kassen erreicht. Manchmal sind 20 in Betrieb. Wir können heute eine Schnellkasse benutzen, da wir nur 7 Teile im Wagen haben. Bis zu 10 Einzelstücke sind erlaubt. Aber die Griechen können oder wollen nicht rechnen. Sie versuchen, mit dem vollen Einkaufswagen durch diesen Kassenbereich zu gelangen. Wenn die Aufseherinnen nicht aufpassen und die Kassiererinnen schon ermüdet sind, gelingt dieses Vorhaben. Endlich stehe ich an der Kasse. Meine Frau befindet sich hinter unserem Einkaufswagen, als sie plötzlich wie ein gefoulter Fußballspieler beide Arme in die Luft hält. Was ist passiert? Eine sehr dicke Frau hinter ihr hat versucht, sie mit einigen Bodychecks durch den Kassenbereich zu drücken. Man muss nämlich wissen, dass die Griechen, wenn sie bis dorthin gekommen sind, keine Zeit mehr haben. Vorher haben sie in aller Ruhe mit der ganzen Nachbarschaft geklönt, mit dem Mobil telefoniert und alle Tomaten in der Hand gehabt. Aber jetzt muss man eiligst nach Hause.

Ich bin inzwischen Supermarkt-Profi und habe sogar eine Carrefour-Plastikkarte. Dennoch sprechen die Kassiererinnen mit mir Englisch. Ich sehe eben nicht so aus wie ein Grieche und verhalte mich wohl auch noch anders.

Tímios Stavrós
Die katholische Kirche am Hafen von Iraklion
Eine Spurensuche

Die turmlose kleine katholische Kirche Tímios Stavrós (Heiliges Kreuz) - so heißen auf griechisch auch Gipfelkreuze – steht versteckt zwischen einem Neubau eines Bankgebäudes und Fabrikruinen in der Nähe des Hafens von Iraklion. Die deutschsprachigen evangelischen Christen auf Kreta können diese Kirche nutzen. Für die Gottesdienstbesucher wird der Weg etwa so beschrieben: Vom Busbahnhof an der alten Stadtmauer entlang in Richtung Süden, vorbei an den Tennisplätzen, links liegen der Fischereiausstatter „Capain Hook“, die Einfahrt zur ATE-Bank und das Elektrogeschäft Karvelas. Hinter ihm sofort die nicht beschilderte Einfahrt wählen. Die Kirche liegt auf der linken Seite des holprigen Weges. – Für jüngere Leute ist der Hinweis einfacher: Gegenüber von MacDonalds (Richtung Hafen) in die Fabrikeinfahrt einfahren, man kommt direkt auf die Kirche zu. Wenn ich richtig informiert bin, ist das Kirchlein als eine armenische Friedhofskapelle erbaut worden. Darauf könnte an der Ostwand der Kirche ein Bruchstück eines Kreuzes mit dem griechisch geschriebenen Ende eines armenischen Namens hinweisen. In der Kirche und auf dem hinter ihr liegenden schönen Friedhof weisen nämlich nur Grabsteine und Bruchstücke von Grabsteinen und Grabkreuzen auf die Geschichte hin. Eine größere Anzahl der um 1900 Verstorbenen waren Angehörige der britischen Armee. Sie gehörten, bevor und als Kreta von 1898-1913 selbständig war, offensichtlich zu den internationalen Schutztruppen. Sie werden bei Alexis Sorbas von Nikos Kazantzakis von Madame Hortense genannt: England, Frankreich, Russland und Italien. Italienische Namen weisen sowohl auf Konsularangehörige als auch auf Kaufleute hin. Die Namen Corpi (Korpis) und Ittar gibt es übrigens auch noch heute in Iraklion. – Deutschklingende Namen wie Rosenbusch und Heller könnten aufgrund der Vornamen (Edward, John usw. bzw. Ovidio) auch zu Amerikanern oder Italienern gehören. Die griechischen Namen gehören den Ehepartnern der nichtgriechischen Katholiken. Die letzten Beerdigungen sind nach den Grabdenkmalen 1938 und 1939 erfolgt. Ich schließe meine Spurensuche vor Ort mit der Vermutung, dass die Kirche im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Kreta in den Besitz der katholischen Kirche gelangt ist. An der Kirchentür im Westen weisen eine griechische und eine lateinische Tafel auf die Renovation der Kirche hin: AD 2002. Restitutio Ecclesiae et coemeterii Catholicorum perfecta est a Venerabili P. Francesco Papamanoli Episcopo Cretae cura vicarii generali P. Petri Rousso atque auxilio Petri et Pauli Corpi. Pater Petros Roussos hat der evangelischen kretischen Gemeinde die Kirche zur Mitnutzung überlassen, nachdem er sie gründlich renoviert hatte. Wir sind ihm dankbar! Otmar Hesse PS: Sicherlich wissen einige Leser mehr über die Kirche, als ich herausgefunden habe. Bitte teilt es mir mit!

Der zweitwichtigste Besuch auf Kreta seit der Ankunft des Apostels Paulus …

Meine Frau und ich hielten uns zum Einkaufen am 16. Oktober 2008 in Iraklion auf. Wir hatten uns schon bei der Parkplatzsuche über das starke Polizeiaufgebot in der Stadt gewundert. Nun sahen wir, vom Löwenbrunnen kommend, dass auf der Straße des 25. August mindestens dreißig schwarze Staatskarossen in Doppelreihe parkten. Ich sagte zu meiner Frau aus Spaß: "So sah es auch in den Innenstädten aus, wenn wir 17 niedersächsischen Oberbürgermeister uns trafen." Ich fügte aber rasch hinzu: "Wir brauchten aber nur einen einzigen Polizisten."

Als wir vor der Tituskirche angekommen waren, erkannten wir, dass die vielen Menschen nicht zu Ehren eines Politikers zusammengekommen waren, sondern der rote Teppich von der Tituskirche bis an die Straße des 25. August war für den ranghöchsten orthodoxen Geistlichen ausgelegt. Der Ökumenische Patriarch und höchste Würdenträger der orthodoxen Kirchen, Patriarch Bartholomäos I. von Konstantinopel, war als erster ökumenischer Patriarch überhaupt zu Besuch auf Kreta. Er wurde begleitet vom Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, Hieronymos, vom Erzbischof von Tirana und ganz Albanien, Anastasios, vom Erzbischof von Zypern, Chrysostomos, und vielen weiteren Erzbischöfen, Bischöfen und Äbten.

Auf den Kontrollbildern einer Fernsehgesellschaft erkannten wir, was sich in der Kirche ereignete: der Patriarch hielt eine Rede vor den Geistlichen und Repräsentanten des politischen Lebens, Mitgliedern des griechischen Kabinetts, Regierungspräsidenten, Landräten und weiteren Honoratioren Kretas, unter ihnen natürlich auch der Oberbürgermeister der Stadt Iraklion. Mir war nun klar: Zu ihnen gehörten offensichtlich viele der Staatskarossen.

Durch ein geöffnetes Fenster konnten wir schließlich selbst in den Innenraum der Kirche schauen und alle Teilnehmer direkt sehen. So erlebten wir als Randfiguren das Ereignis, das der Erzbischof von Kreta, Irenäos, als den "zweitwichtigsten Besuch in der Geschichte Kretas seit der Ankunft des Apostels Paulus" bezeichnet hat.

Ich möchte jetzt nicht auf aktuelle Probleme zwischen Kirche und Staat in Griechenland eingehen, die zurzeit in erregten Debatten verhandelt werden, z. B. die Immobilienspekulationen des Athosklosters Vatopedi, und auch nicht daran erinnern, dass es noch nicht solange her ist, dass Bartholomäos I. den Athener Erzbischof Christodoulos exkommuniziert hat. Ich will mir die Struktur der orthodoxen Kirchen in Griechenland verdeutlichen.

Da ist die irreführende Bezeichnung des Erzbischofs "von Athen und ganz Griechenland". Sie stimmt für Griechenland in seinen jetzigen Grenzen nicht; denn im heutigen Griechenland gibt es vier orthodoxe Kirchengebiete. "Ganz Griechenland" meint die Kirche, die 1833 aus einer ursprünglich dem Patriarchat unterstellten Kirche entstand und die sich für "autokephal" erklärte, was vom Patriarchat auch 1850 anerkannt wurde. Sie besteht heute aus 77 Diözesen.

Kreta hat seit 1898 eine gegenüber dem Patriarchat "halbautonome" Kirche, die sich seit 1913 an die griechische Kirche "anlehnt". Sie hat einen Erzbischof und 7 Diözesen.

Weiterhin gibt es die Kirchen in Thrakien und in der Ägäis, in den "neuen Ländern", die erst seit 1912/1913 zum griechischen Staatsgebiet gehören. Ihre 6 Metropoliten sind auch heute noch dem Patriarchat unterstellt.

Schließlich gibt es seit 1946 auch auf den Inseln der Dodekanes eine eigene, an die griechische Kirche "angelehnte" orthodoxe Kirche; ihre 4 Diözesen sind ebenfalls dem Patriarchat unterstellt.

Kompliziert! Durch diese unterschiedlichen kirchenrechtlichen Bedingungen ist auch 2004 der Konflikt zwischen Bartholomäos I. und Christodoulos entstanden. Es ging um die Ernennungsrechte in den "neuen Ländern". Der Konflikt wurde bald beigelegt. Und so konnte Bartholomäos den Gottesdienst anlässlich der Beerdigung von Christodoulos im Januar 2008 leiten.

Der Titel "Ökumenischer" Patriarch veranlasst mich, noch über "Ökumene" in unserem Verständnis nachzudenken. Wie sieht es mit dieser Ökumene auf Kreta aus? Ich konnte in der Tituskirche den katholischen Bischof Kretas nicht entdecken, auch nicht seinen Generalvikar Pater Petros Rousos, auch nahm ich keinen katholischen oder protestantischen Geistlichen wahr. Natürlich weiß ich nicht, ob sie eingeladen waren und vielleicht bei einem anderen Anlass dem ökumenischen Patriarchen begegnet sind. Der evangelische deutsche "Inselpfarrer" war jedenfalls nicht eingeladen und wurde trotzdem zu einer "Randfigur".

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